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Dienstag, 7. Februar 2012

Marsimoto - Grüner Samt (Review)

Marsimoto ist eine durchaus einzigartige Erscheinung in der deutschen Rap-Landschaft. Wie viele schon mitbekommen haben sollten, handelt es sich hierbei um das Alter Ego von Materia, welches einen Faible für die Farbe Grün und Graskonsum hat. Nun sollte man als Neueinsteiger nicht erwarten auf ein deutsches Pendant zum Namensgeber Quasimoto, ein Alias von Madlib, oder derzeit hippen amerikanischen Weed-Rappern wie Curren$y zu stoßen. Nein, auf dieser Platte erwartet den Hörer eine überzeichnete Kunstfigur, die mit hochgepitchter Stimme u.a. die Glorifizierung von Indianern, seinen Kumpel, den Basketball und das Schicksal eines Wals auf elektronischen Beats thematisiert.

Mittlerweile beim dritten Album des Konzepts angelangt, hat man mit "Grüner Samt" ein sehr eigenständiges Werk abgeliefert, dass auf Seite der Raps komplett auf Features verzichtet und auch seine Instrumentals nur aus dem Green Berlin-Camp bezieht, zu dem u.a. Dead Rabbit, der schon am Debut "Halloziehnation" maßgeblich beteiligt war, und The Krauts, verantwortlich für Produktionen auf dem Materia-Album "Zum Glück in Die Zukunft", gehören. Dies garantiert eine sehr stringentes und homogenes Ganzes, einen Sound der den Drogenkonsum auch für den nüchternen Hörer erlebbar macht und eine entspannte, trotzdem schräge Atmosphäre. Die Produzenten lehnen sich dabei an unterschiedliche elektronischen Stile an, häufig scheint die Bezugsquelle in Form von Dubstep und Future Garage in London zu liegen, hin und wieder werden auch eher klassischere Hip Hop-Instrumentals eingestreut. Auch Samples finden sich so z.B. in "Grünes Haus" The White Stripes. Immer wieder ertönen Sounds, die an andere Acts erinnern. "Indianer" klingt wie ein sauberes Instrumental von Gonjasufi, in "Wo ist der Beat" findet man Kraftwerk-artige Synthies und "Absinth" endet mit einem zerstückelten, hippeligen Beat, der auch von Warp Records-Künstlern wie Squarepusher und Aphex Twin stammen könnte.

Auch textlich wird in vielen Gefilden gewandert, die immer wieder eine weitere Facette Marsimotos aufzeigen. Mal ist er der Wilde ("Zigeuner"), dann die Person, die prominente Todesfälle der Musikgeschichte mit erlebt hat ("Der springende Punkt") und zu guter Letzt "Der Sänger von Björk". Daneben bleibt noch genug Zeit klassisches Representing zu betreiben ("Grünes Haus"), sich vom Rest der Szene abzugrenzen ("Wellness") und der favorisierten Droge Liebeslieder zu schreiben ("Ich Tarzan, Du Jane").

"Grüner Samt" ist ein wirklich gelungenes Album mit einem hohen Maß an Eigenständigkeit, welches sich mit 55 Minuten als äußerst kurzweilige, unterhaltsame Angelegenheit darstellt. Unnötigen Ballast wie auf vielen anderen Veröffentlichungen aus dem Bereich sucht man hier vergebens. Einziger Kritikpunkt ist das erste Viertel des Langspielers, das zum Rest der Platte etwas abfällt. Eins der frischesten Deutsch-Rap-Produkte seit langem.

8/10 Punkte




erstellt von Markus.

Donnerstag, 2. Februar 2012

DropxLife - Furthur (Review)

Seine bisherige Bekanntheit erlangte DropxLife vor allem durch das Mitwirken an "Initiation", ein Stück aus "Echoes of Silence" vom vielgehypten R&B-Newcomer The Weeknd. Nun hat er ein kostenloses, 10-Track-starkes Mixtape namens "Furthur" ins Netz gestellt, dass es durchaus verdient angehört zu werden. Vom The Weeknd Sound ist das hier nicht allzu weit entfernt, auch wenn "Furthur" durchaus seine eigene Note hat. Ein weiterer schnell auftauchender Vergleich ist Clams Casino. Wenn sich in "OldxRain" eine flirrende Synth-Melodie aus Noise und Beat erhebt, erinnert das durchaus an Tracks wie das großartige, von Lil B mit Raps versehende "Motivation", auch "StillxShots" weist dank ähnlicher Struktur größere Ähnlichkeit mit dem ebenfalls von Clams Casino produzierten "Numb" auf, vielen auch bekannt als ASAP Rockys "Demons". Das Problem bei DropxLife ist, dass dort wo Clams Casino trotz Lo-Fi-Appeals und Verträumtheit den Instrumentals immer noch eine ordentliche Portion Drive und Groove verleiht, "Furthur" häufig trotz guter Ansätze nur vor sich hin dümpelt.

Doch die Platte hat durchaus ihre guten Momente. Der Opener ist einer davon. "MadexMen" ist ein gebrechlicher Beat, der es versteht Atmosphäre zu schaffen, die auch im weiteren Verlauf anhält. Basslastig geht es dann mit "BexForever weiter, welches man für ein Chopped & Screwed Instrumental halten könnte. Abseits von diesen Titeln und dem bereits erwähnten "OldxRain", findet man jedoch nicht viel überzeugendes Material. Insgesamt wirkt alles was man hört sehr introvertiert und entschleunigt, was grundsätzlich nichts negatives ist, hier aber leider auch ein Grund dafür ist, dass der Funken nicht wirklich überspringen will. Es fehlt einfach am gewissen Etwas, am kickenden Moment, am Drive. So bleibt lediglich eine Ansammlung von netten, atmosphärischen Tracks, die allerdings auch nicht dazu animieren, von der Repeat-Funktion gebrauch zu machen oder sie anderweitig ein weiteres mal zu hören.

Letztlich habe ich mit "Furthur" ein ähnliches Problem wie mit dem Output von Teebs, der teilweise an eine verspieltere, fröhlichere Variante von DropxLife erinnert, jedoch auf Albumlänge es ebenfalls nicht durchgängig schafft, sein musikalisches Material interessant genug zu gestalten. Fans der hier erwähnten Künstler sollten sich trotzdem einmal mit diesem Werk befassen, schließlich kostet der Download ja nichts und Potenzial ist durchaus vorhanden. Herunterladen kann man sich "Furthur" unter diesem Link.

5/10 Punkte

erstellt von Markus.

Sonntag, 15. Januar 2012

Alben des Jahres 2011 - Leon

Wie gut ein Jahr war erfährt man ja meistens erst Jahre später, wenn sich Alben als persönliche Klassiker durchgesetzt haben, aber 2 Alben aus 2011 hätten bei mir auf jeden Fall die Chance dazu und stehen ganz vorne auf der gleich folgenden Liste. Bevor ich die anfange, will ich auch nochmal betonen, das sich noch viel verändern kann. Viele dieser Alben haben zwar einen ziemlich festen Platz, aber "Mein kleiner Krieg" von Mutter scheitert bis jetzt einfach am Einzug in die Liste (und wahrscheinlich Top 10), weil ich die Platte erst 3, 4 Mal gehört hab. EPs sind übrigens genauso wenig enthalten wie die geniale Smile Sessions der Beach Boys. Darum hier noch mal einen kleinen Überblick über meine Lieblings-Kleinformate des Jahres. Da gibt es erstmal die Awake EP von Trash Talk, die musikalisch für mich das Beste ist, was sie je gemacht haben, aber ein ganz kleines bisschen an Ecken und Kanten verloren hat. Die Manx EP von Maeckes war das Deutschrap-Release meines Jahres - die Amateurhaftigkeit wie halbfertige Beats mit genialen Lyrics verschmelzen ist einfach Einzigartig. Future Of The Left habe ich hier ja sogar besprochen und Polymers Are Forever hat keinen Teil seines Abhängigkeitspotentials verloren und deutet auf eins der besten, dreckigsten und schmutzigsten(ja, da gibt es einen Unterschied) Alben des nächsten Jahres hin. Die Comecrudos EP hingegen deutet eher auf eine ziemlich seltsame LP aus dem nächsten Jahr hin. Diese 24 Minuten Landschaftsbeschreibung sagen über das nächste Großprojekt von Pontiak aber wahrscheinlich eher wenig aus. Zum Schluss muss auch noch Burial erwähnt werden, der auf Street Halo so schön das Gefühl rüberbringt, das man hat, wenn man nach dem Feiern einfach in die Stadt kotzen möchte. Aber jetzt erstmal viel Spass mit meine Liste.

20. The Dodos – No Color

No Color fängt an mit einem typischen Dodos-Beat, so abstrakt wie er sein muss und nach dem enttäuschenden Singer/Songwriter-Folk Ausflug auf dem Vorgänger „Time To Die“ ist das echt eine Überraschung. Und gerade als man sie dafür umarmen will, kommt es noch besser und durch eine Symbiose aus Freak-Folk und Folk-Pop entsteht der Opener „Black Night“. Die Art, in der im Laufe des Albums dann noch ein Stück Noise-Rock in den Mix einfließt, hat auch nur mit der neuen Reife im Sound der Dodos Sinn. Dadurch klingt zwar nur noch wenig so verspielt wie auf ihren frühen Alben, aber das könnte man ihnen auch nicht mehr abkaufen. Der Spass, den man bei Meric Long immer erwartet, ist zwar trotzdem noch da, nur muss man ihn sich jetzt halt erarbeiten – und das ist nur höchstens so wiedersprüchlich wie der Verlauf von „Going Under“, der so klingt als hätten Animal Collective einen Song mit Robin Pecknold aufgenommen bei dem die Synthies draußen bleiben mussten.


19. Samsara Blues Experiment – Revelation & Mystery

Noch nie war die Versuchung größer sich eine Horde Kiffer beim Headbangen vorzustellen. Denn genau dazu liefern SBE hier den Soundtrack ab. Nach der Energie, die bei einem Auftritt dieser Band verbraucht wurde, kann man zu Colour Haze dann auch bestimmt gleich viel besser abgleiten. Und so unterschiedlich sind die beiden genannten Bands dann auch gar nicht. Wo bei Colour Haze immer noch ein tranciges Riff eingeschoben wird, gibt es hier dann einen Stimmeinsatz oder manchmal sogar einen hektischen Umschwung, der die Heavy-Stoner-Atmosphäre ein bisschen aufweckt. Immer schön zwischen die Stühle!


18. Rainald Grebe – Zurück zur Natur

Es ist 2011 und jeder singt über Liebe und Gefühle? Eigentlich kann das nicht sein, wenn es soviele politische Themen gibt. Selbst der Punk oder Hardcore praktiziert die Nabelschau und macht teilweise wie La Dispute oder Fucked Up sogar Konzeptalben. Dann muss sich eben der mittlerweile 40-jährige Rainald Grebe neben seinen eigenen Gefühlen auch noch um die Politik kümmern. Und mit der musikalischen Abwechslung, die mittlerweile in seiner Musik steckt, wird das sogar richtig interessant. Wenn er die Talking Heads, Leonard Cohen und alle anderen, die er so nebenbei erwähnt jetzt auch noch in seinen Sound integrieren würde, gäbe es aber noch mehr zu feiern als ein wirklich gutes Pop/Rock-Album.


17. The Black Keys – El camino

Eine typischere Band für das vergangene Jahrzehnt wird es wohl nicht mehr geben. Alles an den Black Keys ist ein einziges Revival, kein Riff hört sich wirklich „neuartig“ an und die Drums treiben relativ „gewöhnlich“ – eine Mischung aus Garage Rock mit ein paar Spritzern T-Rex und mittlerweile übermenschlich großer Produktion. Das dabei nicht unbedingt Spannendes herauskommt und selbst ein Song wie „Little Black Submarine“ nicht ins Anspruchsvolle abgleitet, obwohl er die Verschmelzung von Folk-Rock und Hard Rock betreibt, ist dabei gar nicht schlimm. Die Hauptsache ist hier einfach nur, dass es rockt und wenn dabei auch noch solche Hits abfallen, kann man Dan Auerbach und Patrick Carney den Erfolg nur gönnen.


16. Black Rust – The Gangs Are Gone

Ein Album als roter Faden gesponnen – jeder Song folgt thematisch auf den anderen und genau wie sich die Gefühle im ständigen Auf und Ab befinden, kommt auch die Musik mal als leiser Gitarren-Folk-Song daher oder packt mit Bläsern, Streichern, Piano alles aus, was man im Americana gerade noch machen darf. Das erinnert teilweise an Größen wie Neil Young, schrammt aber vor allem bei den leiseren Songs nur knapp an „zu brav“ vorbei. Das wird an anderen Stellen mit E-Gitarren-Einsätzen zwar wieder ausgeglichen, aber der einzige Spielraum, den sie für das nächsten Album jetzt noch haben ohne belanglos zu werden, ist der Weg weg vom Leisen. So wie es hier klingt ist es aber noch unglaublich guter Americana aus Münster.


15. Haken - Visions

Visionen sind ja auch irgendwie Traumtheater und Haken wandeln auf den Pfaden dieser Progressive-Götter und übertreffen mit diesem Album jetzt sogar alles, was Dream Theater auf ihren letzten Alben veranstaltet haben. Growling und Metal spielen da zwar nicht mehr so eine große Rolle wie auf ihren vorherigen Releases, dafür ist das Album aber mehr als je zuvor von (schwierigen) Zusammenhängen geprägt und wird dadurch so episch wie Musik nur seien kann. Und nur durch Übertreibung kann man in diesem Klischee-Genre ja überhaupt noch Großes vollbringen. Das beeindruckt niemanden, der Prog für ein Altherrenthema hält, aber auf der Basis des Genres ist bei Visions einfach alles gegeben: Virtuosität, Entwicklungen innerhalb der Songs und zwischen den Songs, Konzepte. Das Besondere an Haken ist dann aber, dass vor allem ihr Sänger, Ross Jennings, aber auch die Band als Ganzes noch Emotionen auslösen kann und nicht so steril (obwohl die Produktion strahlt) ist wie einige ihrer Genre-Kollegen.


14. Noah And The Whale – Last Night On Earth

Nachdem sich ein Drumcomputer und viele Synthies gleich am Anfang umschwirren, glaubt man erst nicht, dass das noch Folk seien kann. Aber die Stimme von Charlie Fink und das gesamte Arrangement mit Chören und Piano geben dem Opener „Life is Life“ eine glückliche Atmosphäre ganz ähnlich wie sie auf Peaceful, The World Lays Me Down 2007 war und rückt das Bild der ersten Töne ganz vorsichtig wieder gerader. Das setzt sich dann auch größtenteils so fort, mal mit mehr Gitarre, mal mit Geigen, aber immer als elektronische und fröhliche Neuerfindung der Band nachdem sie sich auf dem großartigen Vorgänger The Last Days Of Spring ja noch melancholisch zeigten und eine Auflösung danach gar nicht so unwahrscheinlich war. Schön das es euch noch gibt und danke für dieses Stückchen… Musik.


13. Profesjonalizm – Chopin Chopin Chopin

Nein, das hier ist keine Neuaufnahme von Chopin-Stücken, sondern ein polnisches Jazz-Sextett. Der Name will sich eigentlich nur lustig machen über die Ausbeutung von Chopin in polnischer Musik, die Musik will eigentlich nur Spaß machen, hat sich dazu aber die denkbar schlechteste Basis, nämlich Avant-Garde Jazz im Stile des 50er- und 60er-Bebop von z.B. Thelonius Monk ausgesucht – und dieses Ziel trotzdem erreicht. Das 4-minütige und damit kürzeste Stück Dęty ist eins der von mir am meisten gehörten Stücke dieses Jahres, da die treibende Rhythmusgruppe einfach immer wieder Freude macht und die komplexe Melodie, die immer wieder in Improvisationen durch jegliche Tonleitern gehetzt wird auch beim 50. Mal noch interessant ist. Die anderen Songs stehen da in nichts nach und insgesamt bietet das Album mit vielen Stimmungen und einigen atmosphärischeren Tracks auch Abwechslung. Damit kann ich auch schon nicht mehr schreiben über ein Album über das man eigentlich gar nichts schreiben sollte, sondern es einfach hören muss um Ahnung von seinem Sound zu bekommen.


12. Sandro Perri – Impossible Spaces

Was verdammt ist das? Da kommt irgendsojemand daher und presst einen minimalistischen Ansatz, der teilweise an Talk Talk erinnert zusammen mit einem Kraut-Prog Stil wie ihn Hoelderlin auf Platte gebracht haben und dann macht er daraus eine Folktronica-Platte, die zwischen den beiden Extremen des Genres nach Belieben hin- und hertingeln kann. Dass das dabei auch irgendwie zu Jazz wird, dürfte niemanden verwundern, dass es auch auf 10-Minuten-Songs nicht unnötig unverständlich wird, sondern irgendwie immer noch Emotionen vermitteln kann, zeugt von einem Riesentalent.


11. Young Circles – Jungle Habits

“Light up and let the feeling move ya/ I sell that friends to consume ya// you wanna feel alive//” So und jetzt Hornbrillen auf und ab in die Hipster-Indie-Disco. Wenn man “Jungle Habits” nur so antestet und bei dem Hedonismus der Platte nicht mal ein Auge zudrücken kann, kann man tatsächlich denken hier hätten sich ein paar Musik-Elitisten zusammengetan um ein bisschen das auszuformulieren, wofür Animal Collective und Radiohead zu viel Stolz haben. Aber das wäre erst mal gar nicht wirklich schlecht und wenn dabei zweitens sowohl ein Banger wie „2012“ rauskommen als auch ein experimenteller Jam wie „Jangala“, sollen sie doch so seltsam sein wie sie wollen. Eine Empfelung auch für jeden, der findet, dass man generell zu wenig Gesangseffekte in aktuellem Indie hört.


10. Has-Lo – In Case I Don’t Make It

Manche Rapper chillen mittlerweile hinter Rauchschwaden und klingen auch so, andere sind immer noch Gangster und haben immer noch alle Bitches und ticken Drogen. Bei all diesen (oft zurecht) Aufmerksamkeit suchenden Personen übersieht man so jemanden wie Has-Lo schnell. Der sitzt lieber bei Kerzenlicht in seinem Dichterzimmer und übersetzt seinen tief melancholischen (In Case I Don’t Make It) oder sogar gesellschaftskritischen (Kinetic Energy) Poetry Slam-Stil in Raps. Und die werden hinter nichts versteckt sondern durch die minimalen und vor allem auf klassischen Instrumenten basierenden Beats eher in den Vordergrund getrieben. Das bisschen Vordergrund kann er sich auch erlauben, so zurückhaltend wie die Musik ist. Nichts, nicht mal die Flows hier, drängen sich auf, obwohl alles gut bis perfekt ausgearbeitet ist. Das hier ist HipHop zum hinhören und analysieren und so wunderbar eigenständig.


9. Portugal. The Man – In The Mountain In The Cloud

Was passiert, wenn Musiker sich entfremden, streiten, kaum mehr schlafen und eigentlich nichts mehr funktioniert? Das kann in einem spannungsgeladenen Album enden oder in der Auflösung. Im Falle von Portugal. The Man führt es einfach nur dazu, dass sie ihrer Diskographie noch ein Spitzenalbum hinzufügen können. Nur ein Fehler ist ihnen dabei unterlaufen: Alles auf ITMITC ist Pop und damit kann ein Song nicht gut sein, wenn die Melodie nicht gefällt oder mitreißt. Bei 10 Tracks, die sich allesamt zwischen den Beatles, T-Rex und David Bowie positionieren, kann das System kaum aufgehen, ohne dass man mit einem Song rausgeht, der nunmal nicht so toll ist. Für mich ist das „Once Was One“, der ganz subjektiv einfach nicht mein Fall und mir zu sacht ist. Der 11. Track bildet die Ausnahme auf diesem Album: „Sleep Forever“ kann man eigentlich gar nicht nicht mögen, wenn man Gefühle hat. Der Aufbau von einer Gitarrenmelodie zu einem Song mit Chören, Streichern und allem was dazu gehört, reißt einfach mit und mit dem Text über die Sehnsucht nach einem Ende NACH dem Tod will man sich eigentlich mal in eine einsame Hütte in Alaska begeben nur um zu verstehen, was John Gourley da sagen will. Zusammenfassung: Solides Album mit Ausreißern nach unten und viel mehr nach oben.


8. Radiohead – The King Of Limbs

Dafür haben die 4 Jahre gebraucht? Das kann ich ja in ner Woche in meinem Fruity Loops zusammenschustern, das wiederholt sich ja ständig und das ist viel zu kurz und sie haben uns betrogen! Ja, das musste man sich echt anhören, wenn man King Of Limbs vor alten Fans, die sich OK Computer zurückwünschen, verteidigt hat. Und so Unrecht haben sie auch gar nicht damit, dass hier nicht viel Musik zu finden ist und Vieles immer und immer wieder wiederholt wird. Aber damit haben sie im Prinzip nur gezeigt wie wenig man machen muss um Atmosphäre zu erzeugen: ein vertracktes Beatfragment, unverständliche Stimme und eine Menge, das nur im Hintergrund abläuft, reicht bei Radiohead damit man an Can denken muss. Dabei ist die Musik auf diesem Album, die so gar kein Genre kennt vor allem daraus auf Gefühle zu erzeugen – von Isolation, Naturverbundenheit, technischer Distanz zwischen Menschen könnten diese Songs handeln, wenn man die Texte nur so interpretieren will und genauso fremd wirkt auch alles auf King Of Limbs. Das nennt man dann wohl stimmig.


7. Chuckamuck – Wild For Adventure!

Deutscher Punk ist ein seltsames Thema. Die meisten Leute denken dabei nur an Manschen, die mit ihren Hunden auf der Straße betteln, andere an die Ärzte oder die Toten Hosen. Obwohl fast jeder eine Meinung zu diesem Thema hat, weiß also eigentlich kaum jemand, was für geniale Bands es (vor allem in Berlin) gibt. Chuckamuck ist eine der neuesten davon: fast alle Mitglieder waren bei der Aufnahme noch minderjährig und sind ein Beispiel dafür, was die Black Lips in „Bad Kids“ besungen haben. Die Musik dazu ist ein schlampig eingespielter und dreckig produzierter Mix aus Rock’n’Roll und Punk ganz im Sinne der schon genannten Amerikaner. Alles, was dazu kommt (Geigen, „Geister-“Orgel usw.) und alle seltsamen Strukturen der Musik erschaffen intelligente Musik, die vor allem bei den englischsprachigen Songs Unmengen an Spaß macht. Im Endeffekt ist aber gerade die Wiederholung bei diesen Songs das einzige Problem des Albums. Texte über Schokoriegel, Sex auf der Schaukel oder die eigene Geilheit sind natürlich besser als „hsbgdhjfsdmngframdfshm, Walk Like A Duck“.


6. BRAIDS – Native Speaker

Die Kanadier kopieren auch wirklich alles und jetzt sogar Animal Collective – aber diesmal geben sie es immerhin zu. Wer BRAIDS auf ihre Standardreferenz anspricht, stößt bei ihnen auf Freude weil sie mit ihren Helden verglichen werden. Dabei können sie noch viel mehr für sich verbuchen. Die Arbeitsweise ist scheinbar erstmal die gleiche. Mit Sounds bei denen man sich fragt wie sie entstehen konnten, werden hier simple Melodien und Harmonien abstrahiert bis nur noch Stimmungen überbleiben, die mit ungewöhnlichem Gesangseinsatz überstülpt werden. Das Interessante hier ist aber, dass das manchmal so in Schönklang gipfelt wie sonst nur Post-Rock-Acts wie Remember Remember, dabei aber immer noch unglaublich verschlossen klingt. Wenn Stellen wie das perkussive „fucked up“ in „Glass Deers“ dann aber anfängt sich m Kopf festzubohren genauso wie die taub-aus-der-Disco-kommen-Atmosphäre von „Lammicken“, will man das Album immer wieder hören. Das ist im Endeffekt dann so wie Yeasayer, wenn man noch 10 Anläufe mehr für sie brauchen würde.


5. The UV Race – Homo

Ich will jetzt nicht Velvet Underground oder dem Krautrock den Humor absprechen. Trotzdem kann man den Sound von Homo nur als krawallende und lächerliche Verbindung von beiden beschreiben. Wirklich neu ist hier nichts, der Sound ist Garage-Punkig, die Songs Proto-Punkig, die ausufernden Teile krautig-repititiv und noisig und sogar der Wechsel von weiblichem und männlichem Gesang ist irgendwie geklaut. Aber wie sie das alles verbinden und dabei ihren eigenen Stil finden, ist beispielhaft. Wäre Lou Reed schon tot, könnte man sagen, er war bei den Aufnahmen wahrscheinlich als Geist im Studio anwesend und trotzdem hört man hier nicht 10 mal „Heroin“ oder „Run Run Run“, sondern 10 mal The UV Race mit all ihren Eigenheiten. Der Trick dabei ist 1. alles schlechter zu machen als man es könnte und 2. sich für nichts zu schade zu sein.


4. Low – C’mon

Low konnten gar nichts mehr falsch machen an diesem Album ausser das, was sie auf den Vorgängern falsch gemacht haben. Das hört sich komisch an ist aber so. Wo es auf The Great Destroyer noch zu allererst mal gelärmt hat, herrscht hier die pure Emotion, wo auf Drums And Guns das Experiment im Vordergrund gestanden hätte, herrscht hier die pure Emotion und wo es auf den Releases davor manchmal (eigentlich sehr selten) auch mal langweilig geworden wäre, herrscht hier schon wieder, natürlich, die Emotion. Und weil Emotionen nicht falsch sein können, ist es egal ob der einzelne Song jetzt Slowcore, Folkrock oder Country ist, weil so Oberflächliches gar nicht mehr zählt bei dieser Band. Sie sind schließlich „Nothing but Heart“ und könnten von mir aus jetzt sogar anfangen zu stagnieren.


3. Causa Sui - Pewt'r Sessions 1&2

Darf ich einfach sagen, dass das Musik ist über die man nicht schreiben kann und dann doch einfach nur 2 Sätze schreiben, die wenigstens ein bisschen Inhalt haben? Ja, das darf ich. Causa Sui ist das was man hören will, wenn man auf das DunaJam geht. Irgendwo zwischen Jazz und Rock und so weit da draussen, dass sich Psychdelic, Stoner und Post-Rock schon wieder zu Progressive Rock verbinden. Das ist bei der 1. Pewt'r Session songorientierter und bei der 2. bekommt man 3 Epen zu hören. Fertig, hört es euch an.


2. La Dispute – Wildlife

Eine Revolution! The Wave macht alles besser! Die neuen At The Drive-In! Ne Quatsch, ich bin keiner dieser Fanboys und klatsch euch hier keine dämliche das-beste-und-neueste-was-es-gibt-Review hin. Aber auch wenn man auf den Hype-Zug nicht aufspringt, kann man „Wildlife“ als wirklich gutes Album wahrnehmen, dass Post-Rock und Postcore zusammenbringt. Dabei sind sie nicht immer heavy und nicht immer schnell und aggressiv, obwohl ihre Musik vor allem Verzweiflung vertont. Nein, hier steht die Verzweiflung sogar noch vor der Musik und die macht sich dabei klein und ist schüchtern oder besser eingeschüchtert. Das passt dann aber auch schon wieder auf den „Geschichtenerzähler“ Jordan Dreyer, der an all seinen Stories wie ein gelähmter Betrachter daneben steht und die Figuren alles selbst machen lässt – und das tut weh; so weh, dass man selbst zu einem Mörder eine emotionale Beziehung aufbauen kann bis er sich am Ende von „King’s Park“ die Kugel gibt. Fast perfekt ist das, wenn man nicht ab und zu das Gefühl kriegen würde, einige kleine Längen fänden nur um des Textes Willen statt. Darum ist das hier auch nur Platz 2.


1. Urlaub in Polen – Boldstriker

Sicherheit ist der Feind des Musikers. Wenn man sich als Band sicher ist, was der Fan hören will, kopiert man sich irgendwann wahrscheinlich selbst. Wenn man finanziell nichts zu befürchten hat, muss man nicht mehr so viel in seine Musik investieren. Wenn man familiär abgesichert und glücklich ist, werden die Texte oft langweilig. Zum Glück gibt es so Pools der Unsicherheit wie UiP. Irgendetwas zu kopieren steht den beiden eh fern und so kann man sich als Fan kaum darauf einstellen, was da als nächstes kommt – sogar von einem Song auf den anderen ist das auf Boldstriker extrem schwer. Finanzen sind bei diesem Nebenprojekt wohl immer schon Nebensache und mehr mit der Musik zusammen als die beiden kann man kaum sein. Das ist die Basis für dieses Album, das einfach größer ist als alle davor und sich trotzdem teilweise so reduziert wie nichts, was sie vorher gemacht haben. 9 Songs brauchen sie um das Terrain zwischen Sonic Youth, Neu! auszuleuchten und mithilfe ihres bewährten Drumcomputers komplizierte Skizzen (Lore-Ley I), tanzbare Monster (Snowwhite) oder echte Rocksongs (Rebel And Waste) zu erschaffen. Das ist das logische Ende dieser Band, aber nicht das logische Ende der Musik von Georg Brenner und Phillip Janzen. Die werden auch weiterhin den Kraut zurückbringen und wenn das so weitergeht wie auf Boldstriker angedeutet, kommt da etwas Großes auf die Musikwelt zu.

Weitere Honorable Mentions: Prinz Pi, Yob,Timber Timbre, Tufu, Boots Electric, Projekt Gummizelle, Astronautalis, Hannah Peel, Black Lips, Ghostpoet, Weekend, Götz Widmann

2012?
Kettcar! Of Montreal! fun.! Die Ärzte! Perfume Genius! Janelle Monae? Animal Collective? Godspeed You! Black Emperor? MF Doom?? R.A. The Rugged Man?? The Tallest Man On Earth? Pontiak! Portugal. The Man?! Colour Haze!

Dienstag, 10. Januar 2012

Alben des Jahres 2011 - Markus

Im Jahresrückblick 2010 hatte ich mich noch über die mangelnde Quantität an wirklich guten Alben beschwert, großartig geändert hat sich dieser Zustand nicht, doch wenn man sich damit arrangiert, dass echte Knaller eher Mangelware sind, gab es auch dieses Jahr eine Menge guter Alben zu hören. Wie man feststellen wird, stammen diese bei mir vorrangig aus dem Bereich des Hip Hops, jedoch finden sich in meiner Liste auch Indie, Electronic und in einem Fall sogar Post-Rock wieder, obwohl ich bisher nie Fan von diesem Genre wurde. Bevor es in meine Top20 geht, hier noch ein paar Veröffentlichungen, die ich gern erwähnt hätte, bei denen es sich jedoch um EPs und nicht um Langspieler handelt. Zum einen wäre da "Satin Panthers" von Hudson Mohawke welches neben dem absoluten Banger "Thunder Bay" noch mit 4 weiteren gelungenen Wonky-Tracks aufwartete. Auch "Life Sux" von Wavves konnte überzeugen, wie auch die EPs von Prinz Pi und ASAP Rocky. Abschließend muss noch gesagt werden, dass die Liste nur eine Momentaufnahme ist und die Platzierungen noch variieren werden. Zudem habe ich bis dato noch nicht geschafft alle vielversprechenden Alben des vergangenen Jahres oft genug zu hören, so dass es gut möglich ist, dass sich zu einem späteren Zeitpunkt auch noch die aktuellen Veröffentlichungen von Hiob oder Shlohmo hier wiederfinden würden. Nun aber zu meinen persönlichen Highlights.


20. Portugal. The Man - In The Mountain In The Cloud

Das zweite Album der Band, nach "The Satanic Satanist", mit dem ich mich genauer beschäftigt habe, kommt zwar nicht an das eben genannte heran, hat aber dennoch seine Höhepunkte. Es finden sich zwar auch Füller, jedoch können Stücke wie "Floating" und "Got It All" als schön instrumentierte und mitreißende Popsongs überzeugen.


19. Korallreven - An Album by Korallreven

Eigentlich hatte ich mir von diesem Album einiges mehr erhofft. 5 von 10 Tracks waren schon bis zu 2 Jahre lang im Netz und waren auch äußerst gut, jedoch haben sie mittlerweile einiges von ihrem Charme und ihrer Frische durch häufiges Hören eingebüßt. Da die restlichen Stücke mich leider nicht wirklich kicken, ist "An Album by Korallreven" zwar ein theoretisch gutes Album, in der Praxis jedoch eher uninteressant, da man die Höhepunkte schon häufig gehört hat. Nichts desto trotz sind Tracks wie "Loved-Up" und "As Young As Yesterday" immer noch großartig, so dass das Album hier nicht fehlen darf und Personen, die die Band noch nicht kannten, durchaus überzeugen können sollte.


18. Tufu - Hässlon

Diese Platte ist nicht besonders spektakulär, jedoch trotzdem gelungen. Battle-Rap gegen Kommerzialisierung, Pseudo-Individualität und Wack MCs auf dunklen Sample-Beats. Gabs schon mal, klingt hier aber dank der gewissen Vetrackheit der Instrumentals und dem fokusierten Vortrags Tufus trotzdem frisch.


17. Cut Copy - Zonoscope

Nein, das Niveau des tollen "In Ghost Colours" aus dem Jahr 2008 erreicht Cut Copys drittes Album nicht. Trotzdem finden sich hier einige wirklich gelungene Songs mit Hitcharakter wie "Where I'm Going", die nahtlos an die Ohrwurmqualitäten von "So Haunted" oder "Far Away" anschließen können. Ein nettes Indie-/Electro-Pop-Album.


16. 4 Trackboy & Echomann - MMX

Auf "MMX" bekommt man das, was man erwartet, wenn der Retrogott und Twit One kollaborieren: smoothe, soulige Beats und gute Battle-Raps mit intelligenten Wortspielen. Ein lockeres und auch gelungenes Release.

15. Mogwai - Hardcore Will Never Die, But You Will

Eigentlich bin ich kein Fan von Post-Rock, doch die Genre-Helden Mogwai schaffen es auf diesem Album den Stil auch für Leute wie mich ansprechend und spannend genug zu gestalten, so dass die Höhepunkte wie "Rano Pano" wirklich fesseln können.


14. The Midnight EEz - The Midnight EEz

Genau genommen gehört diese Platte gar nicht hier her, denn bei The Midnight EEz handelt es sich nicht um aktuell in der Öffentlichkeit aktive Musiker, sondern um ein unbekanntes Produktionsduo, das irgendwann 1995/96 eine Instrumental-Tape an ein Label verschickte, wo dies allerdings bis vor kurzem in einer dunklen Ecke verweilte, bis es bei einem Umzug entdeckt und später dann gemastert wurde. Trotz der späten Veröffentlichung, wissen die 14 Beats auch heute noch, mit ihrem klassischen, trockenen Oldschool-Sound zu überzeugen.


13. Neon Indian - Era extraña

Mit seinem Debut legte Alan Palomo ein äußerst kurzweiliges Synth Pop-Werk ab, an dem er sich nun messen lassen musste. So ganz ist es ihm nicht gelungen dieses Niveau erneut zu erreichen, doch auch auf "Era extraña" finden sich einige wirklich gute Songs, die sich gekonnt zwischen Electronic, Chillwave, Shoegaze und Pop bewegen.


12. Big K.R.I.T. - ReturnOf4Eva

Big K.R.I.T. ist ein Rapper mit vielen Facetten. Er kann sowohl das Feiern im Stripclub als auch den Umgang mit Stereotypen passend thematisieren. Dies erklärt warum auf den Veröffentlichungen von so unterschiedlichen Akteuren wie Ludacris und The Roots zu finden ist. Diese Variabilität zusammen mit lyrischen und technischen Fahigkeiten und seiner Stärke als Produzent machen "ReturnOf4Eva" zu einem äußerst abwechslungsreichen und musikalisch gelungenen Werk.


11. Knowsum - The Most Awkward

Ein weiterer guter Beat-Bastler ist Knowsum, ein 18-jähriger aus Mainz, der auf "The Most Awkward" 37 seiner Beats zusammenstellte, die den Eindruck verstärken, dass hier ein äußerst talentierter Herr am Werk ist, der in der Lage ist hervorragende, auf Sampling basierende laid back-Beats zu produzieren. Ich bin gespannt auf das, was er demnächst noch so veröffentlichen wird.


10. Clams Casino - Instrumentals

Er ist mitverantwortlich für die besten Tracks auf "LiveLoveA$AP", arbeitet zusammen mit Lil B, The Weeknd und vielen weiteren aktuellen Künstlern. Ja, Clams Casino ist definitiv einer der interessantesten Akteure unter den US-Produzenten. Einige seiner bisher besten Instrumentals wurden Anfang des Jahres auf einem Mixtape zusammengestellt und später dann auch auf Vinyl veröffentlicht. Wer wissen will, was Cloud-Rap ausmacht, sollte sich diese Platte hier unbedingt einmal anhören.


9. The Streets - Computers and Blues

Ich muss zugeben, dass dies das erste Album von The Streets ist, mit dem ich mich näher beschäftigt habe. Auch wenn das Werk im Gegensatz zu früheren Werken weniger positiv aufgenommen wurde, habe ich durchaus meinen Gefallen gefunden. Ein abwechslungsreiches Klangspektrum zwischen Hip Hop, Electronic und Pop plus die nicht spektakulären, dennoch gelungenen Texte von Mike Skinner ergeben ein eingängigen und durchaus würdigen Abschluss des The Streets-Projekts.


8. Brenk Sinatra - Gumbo 2: Pretty Ugly

Das neben Twit One stärkste Instrumental-Werk war dieses 23 Tracks starke Album des Wieners Brenk Sinatra, der, wenn er nicht gerade Beats raushaut, u.a. MC Eiht und Guilty Simpson mit Instrumentals beliefert. Basslastige Banger treffen auf klassisches Soulsampling und jazzige Stücke für die Abendstunden. Ein herrvoragendes, abwechslungsreiches Album, dass trotzdem wie aus einem Guss wirkt.


7. The Pains Of Being Pure At Heart - Belong

Das beste Indie-Rock/Pop-Release des Jahres stammt von dieser charmanten Band mit dem langen Namen. Wo ihr Debut noch noch ein wenig den Druck vermissen ließ, haben sie nun eine Schippe draufgelegt. "Belong" wirkt kräftiger, orientiert sich stärker an The Smashing Pumpkins, liefert mit "Even In Dreams" eins meiner Lieblingsstücke des Jahres und ist somit ein wirklich gelungener Zweitling.


6. Mac Miller - Best Day Ever

Er ist einer der größten Duschstarter im aktuellen US-Rap-Geschehen und das nicht zuletzt wegen seiner Mixtapes. Zwei hat er davon neben seinen Debutalbum dieses Jahr veröffentlicht, wobei "Best Day Ever" sowohl seinen "richtigen" Langspieler "Blue Slide Park" als auch das zweite diesjährige Tape "I Love Life, Thank You" übertrifft. Mit Hits wie "Donald Trump" und "Wake Up" gibt es hier Pop Rap der guten Sorte und eingängige, frische Beats.


5. Twit One - Stepping Stones

Die Spielzeit dieses Albums beträgt zwar nur 15 Minuten, doch trotzdem reicht die Zeit um festzustellen, dass es sich bei Twit One um einen der talentiertesten Beatbastler im deutschsprachigen Raum handelt. Seine hervorragendes Gespür für Samples und die tollen Tunes, die er aus alten Plattenkisten herausgezogen hat, machen "Stepping Stones" zu einer kurzweiligen, angenehmen musikalischen Reise durch Hip Hop, Soul und Funk, frei nach Tocotronic: "Harmonie ist eine Strategie". Hier ein äußerst gute.


4. Casper - XOXO

Wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass ein Rapper mit äußerst kratziger Stimme, auf von Indie und Post-Rock beeinflussten Instrumentals, die negativen Gefühle der Jugend thematisierend, in Deutschland Gold gehen würde? Vermutlich nur Wenige. Doch Casper hat es geschafft. Einer der seltenen Fälle, in denen sich musikalische Qualität und Verkaufserfolg ungefähr die Waage halten. Sicherlich überschreiten die Texte manchmal die Grenze zum Kitsch und triefen vor Pathos. Jedoch schafft der 29-Jährige es einfach mitreißende Songs zu schreiben, die emotional berühren.


3. ASAP Rocky - LiveLoveA$AP

Lyrische Neuerungen und Glanzleistungen findet man auf diesem Mixtape nicht, dafür aber grandiose, eigenständige Beats, Coolness und eine gehörige Portion Swag. Produzent der Stunde Clams Casino, Ty Beats und weitere haben einen Klangkosmos zwischen Nebelschwaden, Betäubungsmitteln und Erhabenheit erschaffen, innerhalb dessen ASAP Rocky seinen Status als Pretty Motherfucker zementiert, Sizzurp- und Gras-Konsum thematisiert und seine Hood Harlem repräsentiert. Ein äußerst starkes Werk, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei nur um ein Mixtape handelt und dies die erste größere Veröffentlichung des jungen Herren ist.


2. Prinz Pi - Rebell Ohne Grund

Man könnte eine Menge Kritikpunkte aufzählen: eine einheitliche Stimmung oder Atmosphäre gibt es nicht, die Features können (traditionell) nur selten überzeugen, die Grenze zum Kitsch wird hin und wieder überschritten und das Album ist zu lang. Abseits davon gibt es allerdings das eingängige "Virus" mit Pixies-Sample, eine der besten letztjährigen Deutsch-Rap-Hooks in "Du Bist", mit "Laura" die grandiose Verarbeitung des Selbstmords einer Exfreundin, Hits und Hymnen wie "Der Rand" und "Marathon Mann" und weitere Highlights. "Rebell Ohne Grund" steht dem Ausspruch "Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile" konträr gegenüber, lief aber trotzdem am häufigsten von alle Alben 2011 bei mir.


1. Morlockk Dilemma - Circus Maximus

Dass der Leipziger zu den besten seines Faches gehört, hat er mit jeder seiner Veröffentlichungen bestätigt und spätestens jetzt sollte es unumstößlich sein. Kaum jemand verbindet so gekonnt Untergrundattitüde und aggressiven Flow mit solchem Storytelling und Wortgewandheit. Egal in welches Terrain er sich begibt, er weiß zu überzeugen. So schlüpft er in die Rolle des Misanthropen, der nach einem großen Massensterben "freie Fahrt von der Ostsee bis zur Adria" hat, degradiert Rapper zur "Vorsuppe", mimt den erlösenden Messias, thematisiert das Schicksal des Galgenbergs uvm. Diese ganzen Geschichten und Szenarien werden untermalt von grandiosen Beats, die zusammen mit den Lyrics wissen, wie man ein Kopfkino erzeugt. Nur selten hört man solch gelungene Adaptionen von literarischen Themen und Stilen, wie wenn er z.B. in "Der Baum" zusammen mit Hiob eine moderne Sage erzählt und sich in "Die Röhre" von Kurt Vonnegut inspirieren lässt.

Montag, 31. Oktober 2011

Ahzumjot - Monty (Review)

Ohne ihn als Mitläufer darzustellen, Ahzumjot profitiert sicherlich vom derzeitigen Erfolg alternativer Rap-Entwürfe wie denen von Marteria und Casper. Es wurde gezeigt, dass man auch ohne Meta-, Battle- und Gangster-Rap in der hiesigen Hip-Hop-Szene positiv aufgenommen werden kann und Künstler, die abseits bekannter Pfade wandeln, stoßen vermehrt auf offene Ohren. So finden sich Parallelen zu Newcomern wie KaynBock und Rockstah, der auch auf dem Album gefeatured ist, während er mit den zu Beginn genannten Herren eine Vorliebe für elektronische Beats (Materia) bzw. ähnliche Themenspektren (Casper) besitzt. Trotz der gewissen Gemeinsamkeiten stellt "Monty" im deutschsprachigen Raum etwas sehr eigenständiges da, wenn auch nichts revolutionäres, was bekanntlich aber auch gar nicht von Nöten ist.

Obwohl Ahzumjot schon im Alter von 11 Jahren erste Rap-Versuche unternahm, ist bisher bis auf das letztjährige Kollabo-Album mit P.r.z. als Schlechte Menschen kaum Output des Jungen Herren an die Öffentlichkeit gelangt. Trotzdem wurde er im Vorfeld der Veröffentlichung seines ersten Langspielers mit reichlich Lorbeeren bedacht und das ein oder andere Mal als neue deutsche Hip-Hop-Hoffnung bezeichnet. Ob das mit dieser Platte gerechtfertigt wird, sei jetzt mal dahin gestellt. Kommen wir nun aber zum eigentlichen musikalischen Produkt.

Die erste Minute ist, um ehrlich zu sein, ziemlicher Müll. Kitschige Synths treffen auf ebenfalls kitschig vorgetragene, halbgesungene Vocals. Dann aber ertönt ein basslastiger Beat samt erster Rap-Strophe darüber, dass "wir alles tun für Andere" und die Zukunft trotzdem ungewiss ist. Sicherlich alles nicht ganz falsch, aber auch keine wirklichen neuen Erkenntnisse oder neuen Blickwinkel. Ausnahme bildet die Bezugnahme auf den namensgebenden Hund Monty, der sich mit solchen Problemen nicht herum schlagen muss, sondern einfach den ganzen Tag nichts tun kann, ohne über die Folgen seines Handels nachzudenken. Dies ist ein Bild, welches immer wieder auftaucht. Allerdings nicht im nachfolgenden "STDTKDS" welches erneut mit einer nervigen Hook aufwartet und textlich sicher für viele junge Menschen zwischen mittelmäßigem Abi, Studium, wenig Geld und, um einmal Rocko Schamoni zu zitieren, den "Sternstunden der Bedeutungslosigkeit", Identifikationspotenzial besitzt. Ich für meinen Teil finde mich nur bedingt in diesem Track wieder, was auch an meiner Dorfjugend liegen könnte, auch wenn Slacker-Dasein und zweifelhafte Zukunftsaussichten auch in meinem Leben eine Rolle spielen. Das Thema Identifikation spielt bei diesem Album für mich ohnehin eine große Rolle. Obwohl ich sehr gerne Kollegahs Zuhaltertapes höre, ohne sonst Benz zu fahren oder Schellen an Prostituiere zu verteilen, und somit für mich das Mitfühlen von Rap-Texten nicht unbedingt von großer Wichtigkeit ist, ist es bei "Monty" der Fall, dass die Stücke, in denen ich mich persönlich wiederfinde, mir meist am besten gefallen, so z.B. "Gassi gehen". Die Hunde-Metapher steht hier für den Wunsch nach einer spannenderen, erfüllteren Zukunft, nach "einem Ort der, weniger scheiße ist". Zusammen mit einem atmosphärischen aber kraftvollen Instrumental, welches die Emotionalität des Refrains hervorragend unterstreicht. Meiner Meinung nach der eindeutig beste Song der Platte und auch der einzige der mir durchgängig gefällt.

Bei den nachfolgenden Anspielstationen wissen zwar Elemente wie die Hook ("Sepia zu Gold"), die, in diesem Fall leicht an Major Lazers "Pon De Floor" erinnernden, Drums ("Webcam"), das Instrumental ("Explosionsgeräusche") oder die Atmosphäre ("Nicht viel"), doch dafür fallen dann andere Dinge wieder negativ ins Gewicht. Man kann die 13 Stücke zwar alle durchhören, allerdings weckt kaum eins den Wunsch nach mehrmäligen Hördurchläufen. Ein weiterer Minuspunkt sind die 3 Features, die den Eindruck eher verschlechtern anstatt ih aufzuwerten.

Dass "Monty" trotz allem kein schlechtes (wenn auch kein gutes) Werk ist, liegt neben einigen gelungenen Ansätzen vor allem an der Sympathie, die Ahzumjots entspannte und runde, trotz nicht überragenden technischen Fähigkeiten, Vortragsweise ausstrahlt. Hier liegt leider aber auch wieder ein Kritikpunkt begraben. Ahzumjot klingt zwar angenehm und trotz dem teilweisen Verzeicht auf Reime nicht stockend oder abgehackt, leider würde etwas mehr Variation und Emotionalität, manchmal auch Aggressivität, der Stimmlage und des Flows dem Ganzen gut tun. Ebenfalls Fluch und Segen sind die recht einfachen Texte, die sehr authentisch wirken, denen es allerdings, um auf LP-Länge konstant zu interessieren, an lyrischer Finesse mangelt. Simplizität ist grundsätzlich nichts Schlechtes, funktioniert aber meist nur richtig, wenn der Künstler in der Lage ist diese emotional zu transportieren, was hier leider nur teilweise der Fall ist.

Trotz aller Kritik wartet Ahzumjots Solo-Debut mit einigen gelungenen musikalischen Momenten auf, als Gesamtwerk überzeugt es allerdings nicht durchgehend, auch weil herausragende Einzelsongs bis auf eine Ausnahme fehlen. Letztlich will der Funke einfach nicht richtig überspringen. Anhören sollte man es sich dennoch, zu mindestens wenn man an aktuellen, neuen Entwicklungen im deutschsprachigen Rap interessiert ist und eins muss man ihm lassen, er macht immerhin sein eigenes Ding. Ich für meinen Teil werde wahrscheinlich nicht noch einmal zu "Monty" zurückkehren, bin aber dennoch gespannt, was in Zukunft vom Herrchen des gleichnamigen Hunds kommen wird, da der junge Hamburger hier stellenweise durchaus sein Potenzial angedeutet hat.

4/10 Punkte



MONTY by Ahzumjot


erstellt von Markus.

Donnerstag, 22. September 2011

Brenk - Gumbo 2: Pretty Ugly (Review)

Es kommt äußerst selten vor, dass Größen der US-Rapszene Akteuren aus dem deutschsprachigen Raum Props geben. Jemand der trotzdem das Wohlwollen von u.a. DJ Premier und Guilty Simpson hinter sich weiß, ist der aus Wien stammende Produzent Brenk (aka Brenk Sinatra), der nun sein neues Beattape "Gumbo 2 : Pretty Ugly" veröffentlicht, auf das er 23 Instrumentals gepackt hat, die nie länger als 2 1/2 Minuten dauern.

Wenn man relativ klassische Hip-Hop-Beats produzieren will, ist es heute nicht mehr einfach dennoch aus der Masse herauszuragen. Brenk schafft dies trotzdem dank seines hervorragenden Gespürs für Beats und dem Einsetzen der passenden Elemente. Immer wieder hört man dezente aber zielgerichtete Synthies, die die Musik klassisch aber trotzdem frisch und neu wirken lassen. Dazu noch die stets knackigen, nie zu verstaubt oder zu modern klingenden aber immer passenden Drums, die das Kopfnicken garantieren. Garniert mit einer guten Auswahl an Soul-, Rap-, Funk- und Rocksamples und fertig ist ein Album, auf dem zwar nichts grundsätzlich Neues passiert, das aber trotzdem so zeitlos und gleichzeitig aktuell klingt wie kaum ein andere Veröffentlichung der letzten Zeit.

Das Spektrum an Tracks reicht dabei von ruhigem, entspanntem Stoff wie "Whereva", bei dem man einfach nur vom Sample getragen in die Sonne schweben möchte, über das wie für dunkle U-Bahnschächte produzierte "Nite Ridah 2K11" zu, schlicht gesagt, echten Bangern wie "Wolves 2 (Still Hungry)", zu denen man wunderbar auf dicke Hose machen und die Nackenmuskulatur beanspuchen kann.

Trotz der Stimungs- und Samplevielfalt, hat man es bei "Gumbo 2: Pretty Ugly" mit einer durchweg homogenen Platte zu tun, der jeder, der etwas für Hip-Hop-Beats übrig hat, seinen Ohren gönnen sollte.

8/10 Punkte




In voller Länge anhören kann man sich das gute Stück übrigens bei Bandcamp.


erstellt von Markus.

Sonntag, 18. September 2011

Astronautalis – This Is Our Science (Review)

Charles Andrew Bothwell müsste eigentlich Franzose sein so sehr wie sich seine Musik anhört wie ein vertonter Jules Verne-Roman. Er könnte auch irgendwo in der Nähe von Nashville aufgewachsen sein und sich dann nach Los Angeles begeben haben um Beck nachzueifern. Tatsächlich kommt Bothwell, der mit „This Is Our Science“ hier sein 4. Album als Astronautalis vorlegt, aber aus der Großstadt Jacksonville in Florida – nur so als Randnotiz.

Astronautalis ist nämlich sowieso schon längst abgehoben und trauert jetzt mit seiner Band aus der Vogelperspektive seiner Zeit auf der Erde nach. Dazu entwickelt er einen ziemlich eigenen Mix aus HipHop, Südstaaten-Folk, Elektronika und übergroßer Popgeste, die auf der Erde auch gar keinen Platz finden würde. Das Ganze passiert auf ganz unterschiedliche Arten, was auch an der Stimme liegt, die sich von auf der ganzen Platte extrem wandelbar zeigt. Vor der Aufnahme vom indisch anmutenden „Holy Water“ war wahrscheinlich die Aufnahme von viel rauchigem Whiskey nötig, wohingegen vor dem kleinen Alternative Country-Ausflug „Measure The Globe“ eine Gesangsstunde von Tegan Quinn gestanden haben könnte.

Die Tegan and Sara-Hälfte leiht ihre Stimme nämlich einem Song und „Contrails“ wird dadurch zu einem der stärksten Songs der Platte. Denn zusammen schaffen es die beiden den Song trotz des gewichtigen Refrains interessant zu bleiben. Das funktioniert nämlich nicht immer, da Songs wie „Lift The Curse“ weit über das Ziel hinausschießen in ihrem Pomp. Eigentlich trifft das sogar für andere starke Songs zu wie den Opener „The River, The Woods“, aber die Galle, die hier aus Astronautalis sprüht und die Musik, die an den Post-Rock-beeinflussten Stil von Casper erinnert. Die Parallelen zu XOXO sind sowieso leicht zu ziehen, wobei Astronautalis aber leider schlechter abschneidet, da die Gesamtstimmung der Platte viel zu sprunghaft ist und einige Stile, die er einbringt einfach nicht passen wollen.

So stehen langweilige Indie-Pop-Liedchen hier neben astreinen modernen HipHop-Tracks, die mal an Casper, mal an Ghostpoet und mal an Rhymesayers-Rapper erinnern. Das kann er auch nicht mit seinen Geschichten rausreißen, die sich in jedem Genre behaupten könnten und das oft super eingesetzte Klavier sorgt eben auch für die Over The Top-Momente. Typischer Fall von überambitioniertem Künstler also…

7/10 Punkte


erstellt von Leon.

Donnerstag, 1. September 2011

Halbjahresrückblick 2011 - Markus

Abseits der großen Namen, die man ohnehin auf dem Schirm hat und den Künstlern, deren Werke auf unserem Blog schon ausführlicher besprochen wurden, gibt es natürlich immer einige Veröffentlichungen die unverdienter Weise leider nur ein Schattendasein führen oder denen man aufgrund ihrer Qualität einfach noch mal eine Plattform geben möchte. Solche Platten aus den letzten 8 Monaten wollen wir euch bei diesem diesem Special einmal kurz vorstellen und zum Abschluss gibt es unsere bisherige Top 5 aus 2011, samt Verlinkung zu den vorhandenen Rezensionen.

Twit One - Stepping Stones

Dass Twit One ein hervorragender Beatbastler ist, hat u.a. schon zusammen mit Hulk Hodn auf der ersten Ausgabe des Hi-Hat Clubs bewiesen und wer durch diese oder andere Veröffentlichungen, an denen er beteiligt war, eine positiven Eindruck von ihm bekommen hat, wird diesen durch seine erste Solo-LP bestätigt sehen. Auch auf "Stepping Stones" zeigt der junge Producer sein sehr gutes Gespür für Samples, Soul und Atmosphäre, was dazu führt, dass die Platte ein wirklich schönes Hörerlebnis bietet, dessen einziger Makel darin liegt, dass die Tracks, besonders die Beat-betonten, ruhig etwas länger sein könnten.

Knowsum - The Most Awkward

Auch der junge Produzent Knowsum hat dieses Jahr ein Beattape veröffentlicht und das so gar kostenlos. Wie auch bei Twit One sind Soulsamples ein bestimmender Faktor, auf Grundlage dessen Knowsum 37 kurze Instrumentales gebastelt hat die stets fröhlich, aber auch entspannt, mit viel Popappeal die Ohren des Hörers umschmeicheln. Obwohl es stellenweise etwas zu cheasy geraten ist und der Musik etwas mehr Abwechslung gut tun würde, ist es ein wirklich schönes Album.

Hudson Mohawke - Satin Panthers

Und noch ein instrumentales Werk, diesmal eine EP vom Briten Hudson Mohawke der auf "Satin Panthers" 5 Tracks gepackt hat, die zwischen Hip Hop, Dubstep, und diversen Synthiesounds hin und her springen. Die Beats gehen sofort ins Ohr und überzeugen durch ihre klangliche Vielfalt So leitet das durch flirrende Synths, die an 8-Bit Sounds erinnern, geprägte "Octan" die EP ein und wird dann nach 2 Minuten vom großartigen Bassmonster "Thunder Bay" abgelöst wird, welches einfach nur einen Heidenspaß macht. Bis auf das eher überflüssige "Cbat" können auch die restlichen Stücke überzeugen, so dass "Satin Panthers" ein angenehm kurzweiliges, musikalisches Vergnügen darstellt.

4Trackboy & Echomann - MMX

Schon Wieder Twit One. Der Mann der bereits für das tolle "Stepping Stones" verantwortlich war, sorgte zusammen mit dem Retrogott, dem MC von Huss und Hodn, für einen weiteren musikalischen Höhepunkt des bisherigen Jahres. Sehr entspannte und soulige Oldschoolbeats zusammen mit klassischen Retrogott-Raps, angefüllt mit intelligenten Wortspielen und Punchlines in Richtung Kommerzrap. Ein relativ simples Rezept, welches aber, dank der tollen Instrumentals und Zeilen wie "Du spielst mit den Worten und verlierst jedes Mal", ziemlich gut funktioniert.

The Midnight Eez - The Midnight Eez

Und zum Schluss gibt es erneut ein Album, gefüllt mit Hip Hop Beats. In diesem Fall stammen die Protagonisten nicht aus Deutschland oder dem UK, sondern aus dem Zentrum des Hip Hops, New York. Genau genommen stammt die Platte gar nicht aus 2011, sondern es handelt um sich die Demo eines unbekannten Producerteams, welches diese Mitte der 90er aufgenommen hat. Danach verlor sich das Tape in Büroecken und kam jetzt nach 15 Jahre wieder bei Aufräumarbeiten ans Tageslicht, woraufhin man sich entschied es auf Vinyl zu veröffentlichen. Eine gute Entscheidung, denn das gute Stück stammt nicht nur aus der Zeit, es klingt auch nach Golden Era. Simple Beats, schöne Samples und trockene Drums ohne unnötige moderne Synths und Gimmicks, halt einfach guter Stoff.

Top5 2011:

1. Morlockk Dilemma - Circus Maximus
2. Prinz Pi - Rebell Ohne Grund
3. The Streets - Computers and Blues
4. Casper - XOXO
5. Twit One - Stepping Stones (hier)

Mittwoch, 24. August 2011

Tufu - Hässlon (Review)

Tufu dürfte bzw. sollte den meisten unserer Leser ja bereits ein Begriff sein, schließlich wurde er ja hier schon das ein oder andere Mal erwähnt, sei es wegen seinem Kollabo-Album mit Anthony Drawn Anfang des Jahres oder seinem neusten Video im letzten Newsflash.

Nun ist der junge MC mit seiner mittlerweile 4. Soloveröffentlichung am Start, die erstmalig auch als Tonträger erhältlich ist, nach dem die vorherigen Releases nur als (kostenlose) Downloads verfügbar waren. Als Label fungiert wie schon bei "Seelenquantiserung" Sichtexot. 14 Tracks enthält das Album, dessen bestimmendes Thema schon im Titel vorgegeben wird. Es dreht sich alles um die wacken menschlichen Subjekte, die hier zum Objekt, in diesem Fall zum Hässlon, degradiert werden. So bestimmen Battleraps die textliche Ebene der Platte, die Fakeness, Pseudotiefsinn, Heuchelei und Massenkonformität des Hässlons attackieren. Dank Zeilen wie "Zeichentrickfigur, du siehst aus wie Pokémon - Los fang es, fang es! Was ist es? - Ein Hurenson!" wird der durchschnittliche Mainstreamrapper 32 Minuten lang unterhaltsam bloßgestellt.

Für das Gelingen dieses Konzepts auf musikalischer Ebene sorgen die Beatbastler Herbert Elch, Beatvadda, JasOn, Xl the red One, yannic (Audio88 & Yassin) und Tufu selbst, die durchgehend hochqualitative Instrumentals produziert haben. Die musikalische Kompenente fasst der Hauptprotagonist treffend selber zusammen: "Dieser Beat bombardiert deine Synthesizer-Mauern". Es wird also auf sample-basierte Beats gesetzt die zwar auf starke Retroeinflüsse schließen lassen, aber trotzdem nie wie durchschnittliche Oldschool-Beats klingen. Dafür sorgen (das) unorthodoxe (Verwenden von) Samples, stellenweise vertrackte Drumrhytmen und das Einstreuen dissonanter Töne. Insgesamt klingt das Soundbild angenehm rauchig, dreckig und dunkel und was mittlerweile nicht mehr allzu oft im Rap stattfindet, wirklich eigenständig. Verbunden mit den vorhin schon erwähnten Texten, samt Tufus einwandfreien Flows hat man es hier mit einem durchaus starken und auch frischen Album zu tun, was, wenn man den vorangegangen Output des jungen Herrens beachtet, nicht allzu überraschen dürfte.

Lob gibt es auch für das Feature von Anthony Drawn, von dem ich mir mal ein komplett instrumentales Saxophon-Album auf Hip-Hop-Beats wünschen würde. Die Kritikpunkte hält sich da sehr in Grenzen und erschöpfen sich darin, dass manche Songs im Vergleich zu anderen nicht wirklich zünden und die Punchlinedichte stellenweise ausbaufähig ist. Auch würde der Platte manchmal mehr Lockerheit im Vortrag des jungen MCs gut tun. Doch letztlich ist "Hässlon" ein deutlich überdurchschnittliches Stück Musik, das mich besonders instrumental, aber auch auf Rap-Ebene begeistern konnte.

7/10 Punkte




erstellt von Markus.

Montag, 25. Juli 2011

Casper - XOXO (Review)

Nach K.I.Z. und Marteria ist Casper der nächste Rap-Act, der nicht nur von den Hip-Hop-Medien, sondern auch von großen Teilen der restlichen Presse reichlich (Vorschuss)lorbeeren kassiert. Wahlweise wird ihm dann die Rolle des Retters des Deutschraps oder der Part des intelligenten Gegenentwurfs zum derzeit in Deutschland vorherrschenden Gangster-Rap zugeschoben. Jedoch bleibt fest zu stellen, dass er weder eins von beiden ist, noch sein möchte. Nichts desto trotz betritt er mit "XOXO" für Deutschrap komplett neue musikalische Gebiete, was dazu führte, dass man in der stets hype-geilen Blogosphäre nun mit "Post-Hop" bereits schon wieder einen neuen Genre-Begriff aus dem Hut gezaubert hat.

Sicherlich sind die Instrumentals alles andere als normale Durchschnitts-Hip-Hop-Produktionen und auch Stimme, Flow und Themenauswahl des Neuberliners stechen aus der grauen Masse heraus, doch trotzdem kann man hier immer noch von Rap sprechen bzw. schreiben, wenn auch einem, bei dem definitiv neue Wege beschritten werden. Der erste Beleg dafür findet sich schon zu Beginn. "Der Druck steigt" basiert weder auf einem klassschen Boom Bap- noch einem moderneren Synthiebeat, sondern auf einer großartigen Post-Rock-Produktion, die sich perfekt mit dem ebenfalls großartigen Text zusammenfügt. Auch wenn die Lyrics keines Falls durchschnittlich sind, die Themen sind Klassiker. Was im Opener mit der Beschreibung der Situation der Jugend und dem Aufruf dazu, dem sich steigenden Druck freien Lauf zu lassen, beginnt, wird in nachfolgenden Songs durch Herzschmerz, Hilflosigkeit, Absturz und Eskapaden, ergänzt. Dinge die Jugend vieler häufig geprägt hat. So wird auch wieder der Unterschied zwischen Casper und der restlichen Rapszene deutlich, denn während der ein Großteil des Rests Crew- und Ghettorepresentation, Punchlines, überspitzte (fiktive) Storys oder Einblicke in den (angeblichen) persönlichen Reichtum serviert, liefert Casper persönliche Texte, die aber gleichzeitig auch als Beispiel für viele andere Existenzen taugen und allgemeingültige Probleme aufzeigen, sodass den Lyrics hohes Identifikationspotezial inne liegt.

Wenn man allerdings über Konflikte in Liebe und Jugend rappt, besteht die Gefahr des Kitsches natürlich besonders stark. Im Gegensatz zu vielen anderen MCs umkurvt er diese allerdings geschickt und tritt nur selten in Fettnäpfchen, indem er Standartzeilen vorträgt. Zudem trägt seine raue Stimme dazu bei, dass er trotz der Thematik nie in den nervigen Bereich der "Rumheulerei" gelangt. Letzter wichtiger Punkt im Bezug auf die lyrische Seite der Platte ist das Verzichten auf ein allgemein gängiges Storytelling, stattdessen bestehen die Raps meist aus assoziativen Sprachbildern, die auch nie versteift daherkommen und dem Hörer Platz lassen für eigene Interpretationen und das Entstehen zahlreicher geistiger Bilder.

Abseits der Raps und Texte bietet das Album aber auch musikalisch einiges. Wie vorhin erwähnt spielt Post-Rock eine große Rolle, aber auch Dubstep und Indierock dienen als Vorlagen für Instrumentals und auch das Klavier wird immer wieder hervorragend in die Tracks integriert.

Auch wenn "XOXO" als stimmungsvolles Ganzes überzeugt, so lassen sich einige Highlights nennen. Besonders das kraftvolle und leicht episch anmutende "Der Druck steigt" bleibt im Gedächtnis, ebenso die sehr berührenden und persönlichen "Kontrolle / Schlaf" und "Michael X", wobei sich letzterem um einen verstorbenen Freund Caspers dreht. Der denkwürdigste Moment des Albums ist aber eindeutig "Auf und davon". Ein erneut von Post-Rock geprägtes kraftvolles Instrumental auf dem Casper den Ausstieg aus der Monotonie des grauen Alltags thematisiert. Großartige sprachliche Bilder kombiniert mit einem tollen How to Dress Well-Sample.

Nach all dem Lob müssen natürlich auch die Negativpunkte genannt werden, wobei dies recht schnell erledigt sind. Neben den vorhin erwähnten sehr seltenen leicht kitschigen Stellen, sind es neben manchen Songelementen wie z.B. dem Text des Refrain im Titeltrack (übrigens von Tomte Frontmann Thees Uhlmann vorgetragen), nur 2 Songs, die für mich eher wie Filler anmuten, namentlich "Alaska" und "230409", die den Gesamteindruck etwas schwächen. Trotzdem ist „XOXO“ ein hervorragende, berührende Platte, die zeigt, was noch alles in Sachen (Deutsch-)Rap möglich ist und auch noch das Potenzial zum Wachsen hat, so dass die reichlichen Vorschusslorbeeren seitens Presse und Öffentlichkeit definitiv gerechtfertigt waren.

8/10 Punkte




erstellt von Markus.

Samstag, 12. März 2011

Morlockk Dilemma - Circus Maximus (Review)

Es gibt sicherlich nicht all zu viele Rapper aus Deutschland, die stärker polarisieren als Morlockk Dilemma. Viele Hörer können auf Grund seiner sehr speziellen Rapstimme, seines öfters schwer verständlichen Flows, seiner Retrobeats und seiner teilweise wenig massenkonformen Themenauswahl, wenig bis gar nichts mit ihm anfangen, andere begeistert er aus exakt denselben Gründen. Ich persönlich zähle mich zu letzteren und war dementsprechend sehr gespannt auf seine mittlerweile fünfte Solo-LP, die ich bis jetzt nun einige Male gehört habe. Dabei bleibt vor allem folgendes festzustellen, Morlockk Dilemma ist immer noch der alte, allerdings gibt es gewisse Weiterentwicklungen. Doch trotzdem, wer der Musik des Leipzigers bisher nicht viel abgewinnen konnte, wird auch "Circus Maximus" nicht als Hörvergnügen empfinden. Alle anderen dürfen sich auf 20 Tracks freuen, die, und das schon mal vorweggenommen, qualitativ definitiv über dem Durchnitts-Deutschrap liegen.

Eingeleitet wird das Album durch das Intro, in welchem wieder einmal ein Ausschnitt eines Films gesampelt wurde. Diesmal ertönt der Monolog einer männlichen Person, die über die Vergänglichkeit der Kunst und des Menschens spricht. Da ich nicht so der Experte in Sachen Filme bin, kann ich leider nicht sagen aus welchem dieser Auszug stammt, ich kann jedoch sagen, dass Morlockk Dilemma mit diesem eine gute Wahl getroffen hat. Mit einer Spielzeit von einer Minute ist das Intro vergleichsweise kurz, doch schließlich folgt danach auch ein Ereignis von dringender Wichtigkeit; der Auftritt des Messias, thematisiert in "Die Ankunft". Starke Worte, mit leichtem Augenzwinkern ("Ab heute siehst du nun klar / trocknet die Tränen, der Messias ist da" auf einem starken Beat ergeben einen Auftakt nach Maß. Gefolgt wird dieser von einem Track der genauer auf den Messias eingeht, der letztendlich nur "Ein Penner, ein Restmensch, ein unsichtbares Subjekt" ist. Unterstützt wird Morlockk diesmal von Absztrakkt, der sich keine Blöße gibt und eine gelungene Strophe abliefert. Nachdem der Hörer die Ernüchterung über den Heiland miterlebt hat, wird er ins Reich der Sagen entführt. In "Der Baum" erfährt er die Geschehnisse rund um eine große
Pflanze im nahen Osten, die aber im Unterschied zu herkömmlichen Gewächsen, anstatt Äpfel oder Pflaumen, Edelsteine trägt und somit die durch Gier getriebenen Menschen anzieht. Diese aber teilen die Früchte nicht friedlich und gerecht auf, sondern erheben das Schwert und kämpfen um die Rubine, wobei das dadurch fließende Blut den Baum zu weiteren Blüten treibt und somit auch die Gier wachsen lässt. Selten hört man im Rap eine so gut erzählte Geschichte, wofür auch Hiob, ein Stammgast auf Dilemmas Alben, auf Grund seiner großartigen Strophe verantwortlich ist. Der Track besitzt zudem auch die Stärke, Platz für eigene Interpretationen in Bezug auf die heutige Zeit, zu lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem nachfolgenden "Mordshunger". Getrieben vom Konsumwahn wird auf der Suche nach bestimmten, nicht lebensnotwendigen Lebensmitteln auch vor einem Raubüberfall samt Pistolenschüssen nicht zurückgeschreckt.

Man könnte jetzt hier noch auf jede weitere der 20 Anspielstationen eingehen, doch belassen wir es bei einem Blick auf die interessantesten nachfolgenden Tracks. Einer meiner Favoriten auf "Circus Maximus" ist sicherlich "Galgenberg", das die Bedeutung dieses Hügels, damals wie heute, beleuchtet. Gewiss ist es auch ein Highlight der Platte, da es wieder einmal die Ausnahmestellung des Rappers zeigt. Denn von welchem deutschsprachigen MC würde man schon ein solches Lied über eine solche Thematik hören? Viele Namen fallen einem da sicher nicht ein. Definitiv noch eine Erwähnung wert ist "Der Stein", ein Track über die innerliche Abgestumpftheit, unbequeme Gefühle, Vernunft und Triebe. Kurz um, die persönlichen, innerlichen Konflikte, mit denen der Mensch zu kämpfen hat. Hier überspitzt, aber trotzdem tiefgründig dargestellt und durch eine von Hiob gerappte Hook abgerundet.

Natürlich werden auf diesem Album auch wieder schlechte Rapper und deren Freundinnen beleidigt. Morlockk kehrt also wieder mit dem Eisernen Besen den Dreck aus der Rapszene. Unterstützt wird er dabei auf einem der 4 Battle orientierten Stücke von R.U.F.F.K.I.D.D und JAW, die eher durchschnittliche Kost abliefern, wobei man es gerade von letzterem deutlich besser gewöhnt ist. Dafür zeigt Morlockk wieder mit Zeilen wie "Das sind Silben aus Stahl, die dir den Unterkiefer zerbrechen / Sie brüllen meinen Namen, bis sie die Lungenflügel erbrechen.", wer der Chef im Rapring ist. Doch seine besten Reimattacken warten in "Vorsuppe" auf den Hörer. Auf einem grandiosen, dreckig rumpelnden Beat wirft der Leipziger seinen Gegner messerscharfe Lines wie "Deine Jungs mimen den sterbenden Schwan / um dich dann hängen zu lassen, wie ein Militärtribunal" und "Sie wollen den Gangster am Mic spielen / sehen sich als Ice behangende Dealer, doch hängen in der Eisdiele" entgegen.

Beattechnisch hat Dilemma wieder einiges geleistet. Kein Ausfall unter den Oldschool orientierten, von trockenen Drums und einzelnen melodiöseren Sampels geprägten Instrumentals. Zudem klingt die komplette musikalische Untermalung wie aus einem Guss, was "Circus Maximus" sehr rund wirken lässt. Betrachtet man jetzt wieder das Gesamtwerk, lasst sich trotz des vielen Lobens auch negative Dinge ausmachen. Als erstes wäre da ein Problem, was besonders bei "Der Schatten" auftritt. Die Handlung ist interessant, die Raps, der Flow und Beat sind gut, man denkt sich einfach "Das ist alles gut gemacht!", aber so richtig will der Funke nicht rüberspringen, der Track zündet einfach nicht. Diesen Mangel kann ich aber nur bei einigen wenigen Tracks in der 2. Hälfte der Platte feststellen, ansonsten zünden alle Songs. Abseits davon lässt sich höchstens beklagen, dass das Ende unnötigerweise durch ein Interlude und 2 Outros hinausgezögert wird und dass manche Zeilen auch nach mehrmaligen Hören akustisch nicht verständlich sind, was besonders bei Punchlines stört. Andererseits motiviert das auch die Platte immer wieder zu hören.

Von diesen eben genannten weniger erfreulichen Dingen einmal abgesehen, ist "Circus Maximus" wirklich großartig. Es klingt noch runder als die Vorgänger "Omnipotenz in D-Moll" und "Der Eiserne Besen", hat durchweg gelungene Beats und das Morlockk Dilemma als MC einiges draufhat ist ja ohnehin klar. Bewertungsmäßig ist das Album sehr nah an den 9 Punkten dran, doch es reicht noch nicht ganz, wobei ich mir gut vorstellen kann, das die Songs, die bisher noch nicht wirklich gezündet haben, dies mit der Zeit noch tun werden und somit eine bessere Endnote bewirken. Aber ob so oder so, tolle Platte!

8/10 Punkte




erstellt von Markus.

Freitag, 11. Februar 2011

Prinz Pi - Rebell ohne Grund (Review)

Noch bevor man das Album überhaupt gehört hat, fällt einem etwas: Prinz Pi hat sich verändert, äußerlich. Mit längeren Haaren, Bart und neuer Sonnebrille präsentiert er sich auf dem Cover. Doch nicht nur optisch gibt es Veränderungen, auch aus musikalischer bzw. textlicher Sicht hat er sich weiterentwickelt und behandelt jetzt verstärkt ein Thema, was er zwar immer wieder angeschnitten, nie aber so über LP-Länge als thematische Grundlage benutzt hat. Die Liebe. Allerdings äußerten sich das nicht in flachen und pathetischen "Ich liebe dich"-Texten, sondern wird eloquent und ehrlich in seinen zahlreichen Formen und Geschichten behandelt. So ist "Rebell Ohne Grund" auch ein sehr persönliches Album, in dem Prinz Pi oftmals seine eigene Gefühlswelt durchleuchtet. Aber auch Sozialkritisches und Ironisches findet sich auf der Platte.

Den Anfang der 18 Tracks macht "Bombenwetter" mit dem klassischen Rap-Thema "Ich bin wieder da und du bist immer noch wack", ein allerdings eher mittelmäßiger Track, da die wirklich guten Punchlines fehlen. Doch schon beim nachfolgenden "Der neue iGood" geht der Qualitätszeiger stark nach oben. Auf unterhaltsame Weise und gutem Beat wird hier das Dasein als Studentrapper parodisiert. Zeilen wie "Yeah, ich hänge ab im Teilchenbeschleuniger /melancholisch, als ob ich dein Zeuger wär'" garantieren ein Grinsen. "Du bist" ist dann das erste von zahlreichen Liedern, die sich um die Liebe drehen. Hier wird dann ein klassischer Fall, die starke aber auch schmerzhafte Zuneigung zu einer Frau beschrieben. Freud ("Ich bin verliebt wie ein Junge mit dem Bauch und darunter / Weiß unter deinem Kleid warten tausende Wunder" und Leid ("Wenn der Whiskey mir nicht hilft fahr ich Nachts ohne Licht / durch die Vorstadt auf der Suche nach dem was du nicht bist / Die Sms die ich will hast du nie abgeschickt" liegen da nah beieinander.

Liebe, Leidenschaft und darausfolgender Schmerz werden nachfolgend immer wieder thematisiert. Sei es bei der Sezierung einer gescheiterten Beziehung (Eifer & Sucht), dem Verhältnis zu seiner Tochter (Schlaflied) oder seiner zahlreichen Affären (Etc.). Auch wenn es um vordergründig um andere Dinge, wie z.b. das Schicksal dreier in der Bundeswehr dienenden Männer in "Drei Kreuze für Deutschland", bleiben Liebe und Verlust, diesmal verkörpert durch die trauernde Mutter bzw. Frau der 3, präsent.

Nachdem der Berliner den Hörer durch all diese Rückbetrachtungen geführt hat, finden sich zum Ende hin noch einige Highlights der Platte. In "Königin von Kreuzberg" rappt er dann wieder über eine Liebesbeziehung, doch diesmal steht weniger er und das Verhältnis zu ihr im Mittelpunkt, sondern sie. Und sie ist kein normales Mädchen sondern eine sehr eigene, linksradikale Punkerin, die sich am 1. Mai enthusiastisch an Krawallen beteiligt. Letztendlich ein, durch das Thema, sehr eigenständiger Track, der Laune macht. Das tut auch das nachfolgende "Rand II", allerdings noch wesentlich mehr, so dass es auch der größte Hit auf "Rebell Ohne Grund" ist. Ein guter Part von Pi, akzeptable Features (sogar Frauenarzt fällt nicht negativ auf) und ein sehr eingängiger Chorus sind jedoch nur bedingt der Grund für den großen Hitfaktor, da der Track vor allem durch den großartigen Beat getragen wird.

Wo wir bei der musikalischen Grundlage des Albums wären. Die Beats stammen wie immer größtenteils von Biztram, der es geschafft hat ein abwechslungsreiches und gleichzeitig sehr rundes Klangbild zu kreieren, das mittels warmer Synthies, Schlagzeug- und Gitarrensounds und dezent hallender Produktion sehr angenehm wirkt und so fast keinen Ausfall liefert. Ein Song, der zu guter letzt noch Erwähnung verdient, ist "Laura". Hier wird der Suizid einer Exfreundin thematisiert. Ein tragischer Fall, der Prinz Pi schon lange belastete und nun jedoch in Musik verpackt wurde. Die Tatsache, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt, macht das Stück umso emotional ergreifender für den Hörer und so zum besten auf der LP. Einfach nur großartig.

"Rebell Ohne Grund" ist letztendlich ein Album der Gefühle und das kommt auch rüber. Zudem klingt Prinz Pi sehr gereift und authentisch. Diese Eigenschaften zusammen mit den sehr guten Beats machen das Album zu einer für Deutschrap sehr runden Veröffentlichung. Man fühlt sich als Hörer wirklich nie aus einer Stimmung herausgerissen, obwohl diese durch die unterschiedlichen Tracks oft wechseln. Auch eher durchschnittliches Material stört auf der Platte nicht und fügt sich ins große Ganze ein. Der einzige Ausfall ist "Morgengrauen", mit schlechten und zu Prinz Pi unpassenden Features von Raf Camora und Mudi. Man muss auch Anmerken, dass kein Featuregast wirklich überdurchschnittliches abliefert, also das meiste Mittelmaß ist und somit nicht an den Gastgeber des Albums ranreicht. Trotzdessen ein wirklich gutes Rapalbum, was vor allem als rundes Ganzes aber auch durch starke Einzelsongs überzeugt. Wer mal wieder frischen HipHop ohne Klischees, Kitsch, Standart und Wackness hören will, sollte hier unbedingt mal reinhören.

8/10 Punkte


erstellt von Markus.

Freitag, 21. Januar 2011

Tufu & Anthony Drawn - Seelenquantisierung (Review)

"Seelenquantisierung" ist das erste Album der Kollaboration der 2 jungen Künstler Tufu und Anthony Drawn. Während erster rappt, widmet sich der zweite dem Spielen des Saxophons. Beide sind zwar noch recht unbekannt, haben aber schon einiges herausgebracht. So konnte Tufu mit seinem, im letzten Jahr veröffentlichtem, Debutalbum schon einige Hörer überzeugen. So auch mich (wenn auch verspätet). Eine gewisse Erwartungshaltung ist also durchaus vorhanden.

Doch mit "Die Symbolik des Mastschweins" hat das hier wenig zu tun. Denn der Hauptaugenmerk liegt hier auf dem Sound, der durch jazzige Beats und das Saxophon geprägt wird. Das Ergebnis ist dabei sehr eigenständig und stimmungsvoll. Alles klingt leicht verraucht und nach abendlichen Sessions, deren Atmosphäre sehr gut rübergebracht wird. Die Raps von Tufu gehen in eine ähnliche Richtung wie die auf seinen vorhergegangenen Veröffentlichungen, sind allerdings etwas abstrakter geworden. Erinnerte er auf seinem Debutalbum noch manchmal ein bisschen an den Retrogott, ist dieser Vergleich mittlerweile haltlos. Thematisch bewegt er sich wieder auf dem Terrain des (Oldschool)Battleraps und kümmert sich um Whack-MCs, schneidet dabei aber auch Themen wie Kommerz- und Gesellschaftskritik an. Besonders deutlich wird das in "Schandmaul", in dem er den Hörer zum "finalen, alle Whackness vernichtenen Kampf" führt und ihn dann in "ein nicht von Erfolg gelenktes Ego" drängt. Für mich definitiv auch der stärkste Vers auf dem Album.

Insgesamt klingt das Album sehr eigenständig, denn solcher Jazzrap wie ihn die beiden präsentieren, ist in Deutschland sehr selten auffindbar. Einzelne Tracks ragen allerdings nicht heraus, die Platte überzeugt durch Stimmung und Atmosphäre. Das hat dann allerdings auch zur Folge, dass "Seelenquantiserung" den Hörer nicht weghaut. Es fehlt dieses gewisse Quäntchen Spannung. Trotz dessen hört man sich das Album oft und gerne an. Denn zum abendlichen Entspannen und Nachdenken ist das hier hervorragend geeignet.

Und zum Schluss noch eine tolle Naricht: "Seelenquantisierung" kann, wie schon einige andere Realeses aus dem Umfeld des Labels Sichtexot, legal und kostenlos runtergeladen werden. Den Direktlink findet ihr hier.

7/10 Punkte




Anmerkung:
Wer jetzt Interesse an weitere Musik dieser zwei Küsntler hat, sollte sich unbedingt einmal die ebenfalls kostenlosen Soloalben anhören. Während es zu Tufus tollem "Die Symbolik des Mastschweins" hier den Direktlink gibt, kann man sich "Some of there behind" von Anthony Drawn auf seiner Bandcampseite anhören und ohne Kostenaufwand auf den heimischen Rechner ziehen. Beide Platten sind definitiv empfehlenswert.


erstellt von Markus.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Alben des Monats: November 2010

So Jungs, die Alben des Monats sind uebrigens die meistgeklickten Posts, danke auch dafuer. Schon das 11. mal jetzt. Der Geburtstagspost ist also nicht mehr lang hin.


Leon:


The Velvet Underground (& Nico) - The Velvet Underground & Nico + White Light/White Heat + The Velvet Underground


Premiere: Erstmals bestehen meine Alben des Monats komplett aus Alben der gleichen Band. Aber nagut, Velvet Underground kann man in den 3 Jahren, in denen diese Alben aufgenommen wurden eigentlich kaum als eine Band sehen.

Schon auf dem Debutalbum "The Velvet Underground & Nico" zeigte die Band, was sie immer auszeichnen wuerde. Es gibt mittelguten Gesang auf einfachen sich wiederholenden Takten. So einfach das ist, so schwierig ist es dann auch sich mit diesem seltsamen Entwurf von Pop - dank der Viola von John Cale koennte man es auch Noise-Pop nennen - abzufinden. Aber alle Kritikpunkte, die man haben koennte wie z.B. der deutsche Akzent von Nico, die Ereignislosigkeit vieler Tracks, die Ziellosigkeit der Improvisation auf "European Son" oder dass sie ihre Instrumente nur mittelmaessig zu beherrschen scheinen, machen es stuemperhaft liebenswert. Und "Heroin" ist jawohl ausserdem ein absoluter Uebersong!

Ein Jahr spaeter, Nico war weg, kam dann "White Light/White Heat". Uff. 6 Songs, die man hasst oder liebt. Wenn man sie hasst, hat man wegen all der teilweise ziemlich unhoerbaren Musik (oder im Fall von "The Gift" Gedicht) allen Grund dazu. Wenn man es liebt, macht man wahrscheinlich mal eine Band aud, das zeigt die Geschichte. Durch die masslose Uebertreibung der Formel von "...& Nico" entsteht sowas wie ein Hinweis auf experimentelle Rockmusik und Punk und eben auch das 17-minuetige "Sister Ray", auf das man wieder aus 2 Perspektiven schauen kann. Ich fuer meinen Teil bewundere mutige Musiker.

Noch ein Jahr spaeter, diesmal ging John Cale und liess Lou Reed als Songwriter allein, erschien mit "The Velvet Undergound, dann auf einmal eine Platte, die man heute wohl dem Anti-Folk-Genre zurechenen wuerde. Suesse Musik ist das, wobei durch die Textur der Song aber durchaus noch Velvet Underground zu erkennen sind. Das mit dem suess geht dann sogar soweit, dass Reed den Gesang der Abschlussnummer "After Hours" an Maureen Tucker abgibt. Auch wenn ich finde, dass dieses Album gegenueber den anderen beiden schwaecher ist, war es einfach das, was fuer mich bei 9.000 Kilometer Busfahrt in Patagonien am leichtesten konsumierbar war.

Fuer alle, die sich - aus was fuer einem Grund auch immer - noch nicht mit TVU auseinandergesetzt haben. Sucht euch jetzt eines der Alben raus. Jetzt!


Markus:


DJ Shadow - Entroducing...

Diese Platte zeigt wie kaum eine andere, welchen großen Wert Samples haben. DJ Shadow genügten ca. 500 Soundschnipsel aus unterschiedlichsten Genres um diese wirklich gute und stimmungsvolle Platte zu kreieren, deren Einfluss bis in die heutige Zeit in Hip-Hop und Electronic nachvollziehbar ist.


Oasis - The Masterplan

Auch wenn die Platte insgesamt nicht unbedingt zu den besten der Band zählt, so zeigt sie doch was Oasis zu der, meiner Meinung nach, vielleicht besten Band der Welt machte. Denn man beachte: es handelt sich hier um eine B-Seiten Kompilation. Doch trotz dessen befinden sich hierauf einmalige Hits. Übersongs wie "Acquiesce" oder das Solostück "Talk Tonight" von Noel Gallagher. Nicht zu vergessen das Lied "about growing up but not growing old", "Fade Away". Wenn man sowas hört, ist es schwer zu glauben, dass es B-Seiten sind. Denn wie viele andere Bands schreiben schon solche Songs als A-Seiten?


Neon Indian - Psychic Chasms

"Psychic Chasms" ist hervorragend geeignet um sich in der kalten Jahreszeit nochmal zurück an den Sommer zu erinnern. Ansteckende Freude, tolle Melodien
und jede Menge alte Synthies machen das hier zu einem wirklich gelungenem Debut.

Dienstag, 23. November 2010

Top10: SDP - Raeuberpistolen (Review)

"Raeuberpistolen" konnte man 2003 als Angriff auf populaere Musik mit der Feuer-mit-Feuer-Bekaempfen-Methode noch wirklich teilweise ernst nehmen (1). Mittlerweile produziert Vincent (musikalischer Kopf und Haupttexter) aber Beats fuer Aggro Berlin und Sarah Conor. Vielleicht eine der groessten Talentverschwendungen, die es in diesem Metier in den letzten Jahren in Deutschland gab. Man sollte sich, um dieses Album zu geniessen, also um 7 Jahre zurueck denken.

Auf diesem Album gibt es naemlich einzigartige Beats - sie klingen wie die Bands des deutschen Golden Age-HipHop der 90er ohne DJ - die immer zum Mitwippen einladen und nicht selten auch ohne Texte fuer Lacher sorgen wuerden; ob das jetzt mit der Techno-Parodie "Knicklicht" oder den Eulengeraeuschen in "Kein Partyhit" ist (2). Ohne 2-minuetiges Outtake-Outro waere der uebrigens ein spitze Partytrack. Neben diesem kleinen Intermezzo und dem schleht improvisierten "Zappeln" (10) ist die Amateurhaftigkeit, die man von Songs erwarten wuerde, die rund um den Erwerb der Volljaehrigkeit entstanden, eigentlich eher wenige vorhanden (11). Zu gut liegt die Gitarre von Dag, die gerne auch mehrfach zwischen Rock und Reaggae agiert, auf der Basis der Songs.

Und seine Stimme erst! Wo Vincent noch zu jung klingt, kann Dag einfach ganz viel, auch ernst, rockig wieder rausreissen. Vincent kann man das aber nicht vorwerfen, da trotz der auf ihre eigene Art hoerenswerte Musik eigentlich die vor Energie sprotzenden Texte den Ausschlag in Richtung grossartig geben. Ob hippiehafte Songs gegen Krieg (6) oder gegen Diskriminierung (4), ob mit Hass gegen schlechten HipHop(5), Techno(8) oder gegen die ganzen Charts(9) versehen oder ob mit einem Song, der dem Zusammenhang des Albums widerspricht(3), sie wissen den Hoere immer, auch beim schwersten Thema, zum Lachen zu bringen.

7!